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O-Töne
"Weil es da so viele schöne Männerkörper zu bewundern gibt!" - Anastasia Badmann über ihre Beweggründe zur Ausübung von Triathlon.





Blood, Sweat and Tears - Stürze und andere Hindernisse


Ruhe vor dem Sturm
Samstag 16. August, 6:30h morgens, etwa 500 Gummifetischisten stehen in schwarzen Anzügen in der Brandung des Thuner Sees. Brandung? Ja, Brandung beschreibt ziemlich genau, was der morgendliche Wind mit dem sonst so glatten Thuner See angestellt hatte! Während ich mich tags zuvor noch auf den See mit guter Orientierung und türkisem Wasser gefreut hatte, fragte ich mich jetzt, wie es sich wohl schwimmt, wenn man geradeaus gegen solche Wellen ankämpfen muss. Holgi Spiegel philosophierte neben mir eben noch über die monumentale Athmosphäre des aufgewühlten Sees, da beendete der Startschuss jegliche Gedankenspiele. Frei nach dem Motto eines großen Sportartikelherstellers galt nun: Just do it!

Schwimmen
Ach wie war das schön, endlich Schluss mit der ganzen Nervosität, locker losschwimmen, keine Schlägerei, Inferno halt. Um mich herum fast nur Staffelschwimmer, schön zu erkennen an den roten Kappen – mit den netten Mädels neben mir hätte ich mich gerne länger unterhalten, immerhin konnte ich mich für's erste an ihre Füsse hängen *g*. Ich freute mich richtig auf das was kommen sollte – schwupps, *schluck* *hust* - Schluss mit träumen, Wasser in Luftröhre! Ver*** Wellen! Rhythmus fördernd war das nicht gerade! Der Versuch dem Wasser meinen eigenen Stil aufzudrücken gingen gründlich schief, bergauf und bergab, schon im Wasser! Nach ein paar Abstürzen in diverse Wellentäler und unfreiwilliger Dehydrations-Prävention, stieg ich von 3er auf 2er Atmung um, so ging's zwar etwas besser, aber wirklich Spass machte das ganze nicht.
20min später hatte ich mich dann langsam an die Wellen gewöhnt, der 3er Zug feierte seine Renaissance, aber richtig schnell vorwärts ging's nicht. Insgesamt kamen so etwa 56min Schwimmzeit für die nur 3,1km zusammen, ein bischen viel, aber unter den Umständen ging für nunmal nicht mehr.

Slowdown
Einen gemütlichen Wechsel später, saß ich dann endlich auf meinem Rädchen, noch schnell die Handschuhe anziehen, die Brille in die Trikottasche – hatte da mit der nassen Hand draufgelangt, total geschickt von mir – und nach 500m in den ersten Anstieg. Es ging von Oberhofen (562m ü. Meeresspiegel) nach Beatenberg (1153m), insgesamt recht leicht zu fahren, zwischendurch eine kleine Abfahrt, allerdings auch schon ein paar kleine Rampen. Der Thuner See lag türkis glänzend zur rechten und man konnte gut sehen wie man immer mehr an Höhe gewann. Bloß nicht vor lauter Aussicht den Wettkampf vergessen!

So ging es durch ein paar in den Fels gehauene Tunnel und zwischen dichten Bäumen hinauf nach Beatenberg, dort ein kurzer Boxenstopp, Long Energy und Gel fassen, Brille am T-Shirt einer freundlichen Helferin reinigen und ab auf die rasende Abfahrt. Mit bis zu 80km/h durch schöne übersichtliche Serpentinen nach Interlaken, die ganzen mühsam erarbeiteten Höhenmeter werden vernichtet. Nasse Strassen sorgten dabei für Adrenalinschübe und etwas zeitigere Bremsmanöver.
Heil unten angekommen auf ein 30km Flachstück, vorbei am Brienzer See und dann über kleine Wege nach Meiringen – zielstrebig ins Inferno.

Aufwärts
Ich freute mich auf das was kommen sollte, aber hatte auch viel Respekt, denn von nun sollte es richtig hart werden: Die "Grosse Scheidegg" stand an, knapp 1400HM am Stück, teils richtig fiese Rampen.
Etwa 40 Fahrer hatten mich etwa 1km vor Meiringen eingeholt – gibt's eigentlich Rennen bei denen die Drafting Seuche nicht grassiert? – doch diese Gruppe zerlegte sich nun etwa so wie das Tour Peloton am Anstieg nach L"Alpe d"Huez, denn der Anstieg ist direkt richtig steil, kleinster Gang und drücken. So geht's dann auch ewig weiter, zwar wird es zwischendurch etwas flacher, aber diese Erholungsphasen sind stets von kurzer Dauer.

Kaiserwetter - Kaiserstürze
Inzwischen war's richtig warm, keine Wolke am Himmel, Kaiserwetter! Das sah zwar gut aus, aber einfacher wurde der Anstieg dadurch nicht. Schade eigentlich, denn so hat man nur wenig Gelegenheit die grandiose Bergwelt zu bewundern. Berge, Täler, kalte Gebirgsbäche die beim überqueren richtig erfrischen, viel schöner geht's kaum. Nach ca. 40-45min im Anstieg erreichte ich Rosenlaui, den kleinsten Ort der Schweiz, und bereitete mich langsam auf eine der schlimmsten Stellen der Radstrecke vor: Die Schwarzwaldalp! Es geht einfach viel zu lang viel zu steil bergauf, die Beine drohen zu platzen, manche Fahrer fangen an Schlangenlinie zu fahren, man hat die ganze Zeit Angst gleich vom Rad zu kippen. Irgendwie schaffte ich aber auch diesen Abschnit und ein knappes Viertelstündchen später ging's über die Passhöhe.
Einmal Aussicht geniessen, Trikot zumachen (es geht in den Bergschatten des Eiger) und los geht's! Ich fuhr schnell durch eine Kurve nach der anderen, alles problemlos, lieber zu früh als zu spät bremsen, schnell um eine leichte Linkskurve, "upps, da ist ja noch eine, was macht die da? Wieso hab ich die nicht gesehen? Und wieso fahre ich mit über 60 durch eine unübersichtliche Kurve?" Fragen über Fragen, nur leider half das alles nicht mehr. Ich war einfach viel zu schnell, ordentlich Gummi legen und ab ging's auf den Boden, schön ein paar Meter über den rauhen Asphalt geschraddelt und rein in die Büsche. Einmal kräftig fluchen, kurz gucken ob noch alles dran ist, in einem Stoßgebet für die Radbrille danken, welche meine Augen vor den Zweigen gerettet hatte und das Rad aus dem Gestrüpp holen war eins, die Kette draufkriegen was ganz anderes, das blöde Ding wollte einfach nicht so wie ich! Als ich ihren Willen dann doch gebrochen hatte, machte ich mich auf die Verfolgung der Jungs die mich überholt hatten, während ich in den Büschen lag.
Kurve um Kurve fressen, die Finger schmerzen vom bremsen, ab in die Wechselzone, die ganzen "aua, das muß weh tun" Sprüche ignorieren und hin zum MTB. Radtrikot aus - bei knapp 30° musste ich mir keine Sorgen wegen Unterkühlung machen – Sonnencreme auf die Schultern und schnell weiter.
Zuerst ein kurzer Trail, einen Fluss durchqueren und schon ging's – wie sollte es anders sein – wieder bergauf. Weitere 1100HM standen auf dem Plan. Mir tat inzwischen meine ganze linke Seite weh, das Knie war offen, der Arm, die Hüfte, irgendwie war der Spassfaktor ein wenig in den Keller gefallen. Ich machte etwas lockerer und kurbelte mich die "Kleine Scheidegg" hoch. Es passierte erstmal nicht viel, zumindest nicht viel was sich beschreiben ließe. Ich war hauptsächlich mit mir selbst beschäftigt, zwischendurch bewunderte ich die Eigernordwand, immer schön essen und trinken, immer bergauf.

Doch die Norwand hinauf, oder doch eher die „Armstrongsche Falllinie“?
Kurz vor der Passhöhe wird's dann wieder richtig eklig, der Anstieg sah für mich nach etwa 300% Steigung aus, noch dazu auf schön rutschigem Schotter. Also schieben! Oh man, was taten die Beine weh! Wie sollte ich bloss noch auf's Schilthorn laufen? Oben etwas Boullion, ein wenig Schokolade, Brille reinigen – ich tropfte wie ein Wasserfall – und abwärts, kein Auge mehr für den Ausblick, die Strecke erfordert Konzentration und viel Kraft in den Händen.
Ein paar Leute fuhren vor mir, ich orientierte mich an deren Geschwindigkeit. Auf einmal eine Schikane, der erste kürzt ab, der zweite kürzt ab, na was die können das kann ich schon lange! Ehrlich gesagt blieb mir auch gar keine andere Wahl, die Kurve war so eng, die ging nicht mehr. Kann mich auch erinnern, dass mir letztes Jahr fast das gleiche passiert wäre. Schön weiter hinter den anderen her – *bäng* *autsch* - "NEIN! NICHT SCHON WIEDER!"
Da lag ich nun im Schotter, das tolle daran: Ich hatte keine Ahnung wieso! Das einzige was ich wußte: Es tat ziemlich weh! Ich war voll auf die Brust geknallt, das Schienbein war ordentlich am bluten und eine Fingerkuppe färbte sich rot. Irgendwie hatte sich einfach im tiefen Schotter das Vorderrad quergestellt - so fährt sich's halt schlecht.

First Aid in der T3?
Eine Frau kam angelaufen und sagte mir irgendwas, ein anderer MTBer kürzte die Kurve über's Gras ab um mich nicht umzufahren und ich stieg einfach wieder auf um von nun an zitternd und bremsend die restliche Abfahrt zu bestreiten.Kurz dachte ich dann an Aufgabe, da ich mit Sicherheit beim Lauf noch einen Abhang runterfallen würde oder ähnliches. Im ganzen Jahr war ich erst einmal gestürzt, auf großflächigen Wurzeln, nun also zwei Stürze in einem Rennen, beide auch noch sehr schmerzhaft. Irgendwie schien das nicht mein Tag zu sein. Doch letztenends ist DNF keine Alternative, also Augen zu und durch, auch wenn die Beine brennen und sich die Schuhe rot färben...

Lauf Fuxx, lauf...
Tatsächlich kam irgendwann die letzte Wechselzone in Sicht und ich hatte sogar alle Körperteile bei mir! Die "oh, der arme Hund" Bemerkungen, waren nun allerdings noch häufiger als in T2. Ich rannte ins Wechselzelt und rief:"Ich will den Sack mit der Nummer 249 und es wäre toll wenn mir jemand den Schotter aus dem Bein holt!" Beide Wünsche wurden erfüllt, Buff auf den Kopf, Laufschuhe an und weiter, erstmal 4km leicht bergab.

Es war merkwürdig, ich fühlte mich unglaublich locker, im 4er Schnitt ging's vorwärts. In Lauterbrunnen nach besagten 4km links abbiegen, einmal schlucken und versuchen so lange wie möglich zu laufen, so einfach war meine Taktik. Etwas anderes bleibt einem aber auch fast nicht übrig, denn auf den folgenden 13km geht es etwa 850m nach oben. Man erreicht dann Mürren, dass Ziel der Staffeln. Auf den letzten 8km mit über 1300HM sind dann nur noch Einzelstarter unterwegs. Wieviel man da noch läuft, kann sich wohl jeder selbst ausmalen.
Ich quälte mich also den Berg hinauf, holte ein paar Leute ein, trank schön Cola und Long Energy. Nach etwa 10km erstmal Schluss mit laufen, hinein in einen Wald, viele Wurzeln, sehr steil. Danach noch 2 oder 3km bis Mürren, wieder laufen, lauter Leute auf den Strassen, super Stimmung im Ort selbst, vorbei am Wettkampfzentrum, der Sprecher rief meinen Namen und fragte ob alles okay sei, ich reckte einen Arm in die Höhe, tosender Beifall, das tat gut!
Mürren lag nun also hinter mir, bergwandern stand auf der Tagesordnung - von den letzten 8km lief ich vielleicht noch etwa 2 – direkt richtig steil bergauf, ein paar hundert Meter gehen, 100m laufen, usw. An den Verpflegungsstationen immer die gleichen Fragen:"Tut's weh? Geht's noch? Brauchst du Hilfe?" (Ich ließ mir irgendwann andere Antworten als:"Nein danke, geht schon", einfallen. Zum Beispiel:"Ich bin gegen Tetanus geimpft, irgendwann muss ich das ja mal nutzen!")

Kanonenrohr – Evolution zum Homo Sapiens Murrensis
Etwa 30min nachdem ich Mürren verlassen hatte, kam ich am härtesten Stück der Strecke an, dem Kanonenrohr. Es geht vielleicht einen km über sehr steile Schotter Serpentinen, maximales Leiden. Ich überholte im Delirium noch jemanden der wusste was bevor stand und noch eine kurze Pause machte. Ein paar Wanderer an der Strecke, es gab aufmunternde Worte, die konnten sich wohl in etwa vorstellen wie es uns ging. Alle Läufer die ich auf der Strecke traf wirkten ziemlich abwesend, kein Wunder...
Nach dem Kanonenrohr wird's zwischenzeitlich etwas flacher, eine Geröllwüste beginnt, man kann ein wenig laufen, dann wieder gehen, nochmal 500m recht flach und der Schlussanstieg. Teilweise auf allen vieren bewegt man sich vorwärts, mir wurde ein wenig schwindelig, Höhenluft und totale Erschöpfung sind eine schlechte Kombination. Ein Läufer den ich in Mürren überholt hatte, nahm mir den letzten Top20 Platz wieder weg. Aber das war mir egal, ich sah die letzten Meter vor mir, dass 500m Schild, ein schmaler Grat - rechts und links geht's richtig abwärts, zum Glück sind Netze gespannt – Treppen, ein paar richtig steile Meter mit provisorischem Geländer, nochmal ein paar Stufen im Delirium, die mitgebrachten Fans schreien sich die Lunge aus dem Hals, machen Fotos, ich nehm das alles nur noch am Rande wahr, der einzige Gedanke gilt dem Ziel, nochmal 20m laufen, es ist vollbracht, Ziel auf 2970m!

Ausruhen, nur ausruhen und endlich eine kurze Behandlung der Sturzwunden, an was anderes denke ich nicht mehr. Ein paar kurze Stimmungsschwankungen folgen, voller Freude und den Tränen nah. Nach 3min ist das vorbei und es steht fest: Ich komme wieder!

Fazit
Der Inferno ist einer der härtesten aber ganz sicher auch einer der schönsten Wettkämpfe der Welt! Ein muss für jeden Langdistanzler! Meldet euch an, ab Januar geht's los, 250 Startplätze sind zu vergeben, wartet nicht zu lange. (Tobias Winnemöller aka Fuxx)

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